Steiniger Weg zur eigenen Konsul

Text: Wolfgang Schneider/H. Heiler, Bilder: W. Schneider

 

 

Lest hier die Erlebnisse des damals noch jungen NSU-Fans Wolfgang Schneider aus der Eifel. Eine Geschichte von einem, der unbedingt eine Konsul haben musste.

 

In den siebziger Jahren, wird auf dem Elefantentreffen am Nürburgring das erste Mal eine Konsul erspäht.

»Mann, was für ein Ding, so was muss ich auch mal haben«! träumt der damals 14 Jährige. Er wird zu seiner Enttäuschung belehrt, dass in der armen Eifel Region kaum ein Bauer (und fast nur dort konnte noch eine herumstehen) so ein Superbike aus den 50ern besessen hatte. Dafür aber »Quicke«, »Föxe«, »Luxe« und sonstiges Kleinvieh. Wolfgang kennt das, denn es sind schon ein paar Quicklys, eine Quick und eine Lux im Stall.

Also ist man einige Jahre später zunächst auch mit einer Max zufrieden.

Diese von Anfang an mit Beiwagen gefahren, kam schnell der Gedanke einmal etwas mehr Power in das Dreirad zu bekommen, was schließlich für mehrere Jahre einigermaßen mit Tuningarbeiten an der Max reichen sollte. Zwischendurch wurde Ende der siebziger Jahre in der Zeitschrift »MOTORRAD« ein wunderschöner Konsul-Chopper entdeckt, dieses Bild wird sauber aufbewahrt und ist Treibstoff für seine wahr werdenden Sehnsüchte...

 

In den 80ern bekommt der eingefleischten Max-Gespann Fahrer auf Veteranentreffs immer wieder mal eine Konsul zu Gesicht. »Was kostet denn so was ... «? »Gibt’s nicht mehr viele...« PUHH..., dann lieber weiter Max fahren. Die in der »MARKT« Zeitschrift angebotenen Maschinen sind entweder etwas für Millionäre, oder bereits verkauft, obwohl immer gleich nach erscheinen der Zeitung angerufen wird, egal wo und an welchem Ort man sich gerade befindet.

 

1990 im Türkei-Urlaub, beim Billigen Jakob - oder besser Achmed - in einem Ledergeschäft, wird dem Max Fahrer für gerade mal DM 70.- (Hey, kennt die D-Mark noch jemand?) eine Lederhose maßgeschneidert. Plötzlich poltert ein gut genährter Deutscher herein und fragt nach seinen 100 bestellten ledernen Motorrad-Kopfhauben zu je DM 10.- ! »Was will er denn damit«?  Antwort: »Verscheuern auf dem Oldtimermarkt in der fernen Heimat, bin Motorrad Sammler... «

 

Selbstverständlich hat dieser gerade eine 500er Konsul zu verkaufen... Niemand glaubt es ihm! Ausgerechnet der erstbeste Dahergelaufene soll eine Jahrelang gesuchte Maschine haben und für einen Monatslohn verkaufen wollen? Wenigstens hat er eine NSU Anstecknadel mit in der Türkei an seiner Jacke stecken, was ein wenig Hoffnung machte. Nach dem Adressentausch stellt man fest: Ist gar nicht so weit weg vom jeweiligen Heimatort.

 

Als endlich nach schlaflosen Nächten (wegen der Konsul) die Flugreise rum, und der per PKW angereiste "Lederkappenschmuggler" wieder Zuhause ist, soll die Konsul per geliehenen VW Golf I Diesel besichtigt werden. Selber fährt Wolfgang nämlich neben der Max nur einen NSU TTS, der sehr viel Durst hat und wenig Stauraum bietet, auf langen Strecken unbequem ist und außerdem gerade mal wieder, weil viel zu stark getunt, auf der Hebebühne steht. Aber beim Oldtimerkauf ist schnelles Handeln oberstes Gebot.

 

Die Traummaschine entpuppt sich als zusammengesteckte 350er (laut Typschild) ohne Papiere. Sieht äußerlich relativ komplett aus, ist aber Braun vor Rost. Nichts ahnend, obwohl beruflich auf der richtigen Schiene vorgebildet, wird gleich unmissverständlich und ohne weitere Durchsicht die Liebe auf den ersten Blick bekundet, und die geforderte Summe bezahlt (Es könnten ja noch weitere Interessenten im Anmarsch sein).

Danach erst macht sich der stolze Neubesitzer Gedanken, wie er den Koloss nach Hause bekommen soll. Der Golf des Kumpels wird in einen Einsitzer verwandelt, aber das Ding passt immer noch nicht rein. Der Verkäufer reicht einen Eimer mit Werkzeugen, die aber fast nicht gebraucht werden, da alle Schrauben von Hand aufgehen. Viele Schrauben fehlten eh... Immer noch auf Wolke 7, fährt der stolze Besitzer nach Hause und träumt schon vom Umbau auf 500ccm. Auch wenn er inzwischen schon ahnt, dass diese Maschine vielleicht doch nicht so komplett ist wie zunächst angenommen. Na wenn schon!

Zuhause kommt die Ernüchterung, Innereien fehlen Haufenweise. Dieser Verbrecher!! Ein Anruf beim bislang einzigen Konsul-Teile Anbieter bringt dann die völlige Enttäuschung: »Umbau auf 500ccm? Viel zu teuer... die 500er geht sowieso immer kaputt, erst recht mit Beiwagen, bla bla bla...«

Das ist zunächst ein nicht allzu leicht verdaubarer Brocken. Zumal der Kaufpreis zuzüglich der fehlenden Teile, nebst Umbau zu einer 500er, schon an einer 5-stelligen Summe zu kratzen scheint. War’s vielleicht ein Fehlkauf? Eine Weile später, das Fahrgestell ist weitgehend fertig gestellt, der 350er Motor muss es vorläufig mal tun,  ist »Veterama« in Mannheim. Jahrelang war weit und breit keine günstige Konsul dort zu finden gewesen. Konsul Ersatzteile haben sich daher auch noch nicht in das Gedächtnis des bisherigen Max-Fans eingeprägt. Der Fall der Mauer hingegen hat diese Situation geändert. Neben völligen Wracks von dicken Vorkriegs OSL, werden nun auch einzelne Motore (sehen aus wie Konsul) von Osteuropäern angeboten. Dem Gewicht nach zu urteilen, mussten sie vollständig sein. Einer sieht noch sehr gut aus, bis auf die Auspuffgewinde. Er wird gekauft. Mühsames Hinausschleppen, dann tritt der Konsul Neuling zuversichtlich die Heimfahrt an. Zuhause angekommen wird noch am Sonntagabend gleich der Kopf abmontiert. Was für eine Enttäuschung, alles im Eimer: Steuerräder verrostet, Kolben vom Auto und Zylinder völlig hinüber. Ventile stammen offensichtlich von Russischem Panzer, Auslassventil ist größer als Einlass!! Kurbelwelle abenteuerlich mit 3 Reihen vollrollig gelagert, dazu Kurbelwangen ausgefräst, äh... besser geflext, also Müll … bis auf die Gehäuse-Teile. Über den Winter wird der 350er Motor zum laufen und, die Maschine stolz über den Tüv gebracht. Als der Eifeler Winter (Eifel = Sibirien Deutschlands) endlich vorüber ist, kommt der erste Ausritt. Noch ohne den Beiwagen, den die Max bisher mitschleppen musste, (wegen Einfahren und so). »18 PS und jede Menge mehr Hubraum mehr als die Max, dass wird es bringen«, dachte sich Wolfgang.

Das einzige was es zunächst bringt, ist die höhere Versicherungsprämie: Die geht nun bis 27 PS. Das Finanzamt will zudem mehr Steuern als für die Max. Nach vorsichtigem Einfahren wird dann mal versucht annähernd die im Prospekt versprochene Geschwindigkeit zu erreichen: Fehlanzeige! Der gelernte KFZ Meister schaut hektisch alles noch mal nach: Zündung Vergaser usw., aber alles bewegt sich im grünen Bereich. Diese lahme Gurke (der Fahrer wiegt noch um die 80 Kilo) will trotz Gewaltanwendung nicht mal das erreichen, was eine Max im 3.Gang spielend schafft. Dabei verabschieden sich die ersten Nachbauteile wie Tacho, Hupe und Rückspiegel durch Vibrationen. Die Enttäuschung sitzt tief. Ein weitere Händler wird aufgetan, der eine oder andere Tipp aufgeschnappt (Eine Clubzeitschrift oder ein Internet Forum gibt es noch nicht). Anregungen findet der Schrauber in Custom- und Classic-Zeitschriften, wo er den blauen »Götzenbrugger Konsul-Chopper« und Horsts Konsul-Eigenbau-Chopper sieht und später auch auf Erichs »Gelbe« Konsul stößt...

Zum Glück aber ist im Frühjahr wieder eine »Veterama«, diesmal in Ludwigshafen.

Merke: Nimm nie einen Verrückten in deinem Auto mit zur »Veterama«!

 

 Das Winterauto ist schon verkauft, aber ein Oldtimer-Kumpel hat auf der Rückbank seines Japanischen Kleinwagens noch ein Plätzchen frei. Es ist ja auch kein größerer Ankauf geplant. Vielleicht findet sich für den Anfang ja mal ein innerer Primär von der 500er... Es sind nun noch mehr Osteuropäer vor Ort. Deutschland ist vereinigt und daher massig Ware im Angebot. Nach einigen Stunden der Lauferei mit dem Veteramablick (der bislang jegliche Max Teile, auch versteckte aufspürte) mittels im Gehirn eingespeichertem ET Katalog der Konsul 500, stoppt er neben einem NSU Motor der ihm auch gut gefällt. Dieses Ding hat nun 500ccm, sieht untenherum ähnlich aus (müsste also passen), hat aber offensichtlich eine echte Königswelle, und nicht nur eine Attrappe wie das Stoßstangenumhüllende Stößelrohr der OSL und Konsul.

»...eschter Bullus Modor, mit Rennmognät unn` Vergoser! Elf, drunter göht nüschts« spricht der Sachse und der Konsul Eigner zählt sein Geld. »...700 hätte ich noch, wie wär`s mit einem Scheck für die restlichen 400 Mark«? Fast wird der Ahnungslose Konsul Eigner vom Sachsen gefressen. Der meint natürlich Elftausend, nicht Elfhundert: Elftausend gute alte Deutsche Mark, Westmark wohlgemerkt!

Müde und resigniert entdeckt Wolfgang am späten Nachmittag doch noch ein 500er Kurbelgehäuse in einem komischen Fahrzeug steckend. »Icke komme aus Ost-Berlin. Dat is ne 600er 0SL im Konsul-Fahrgestell, der Rest von der BK-Dreifuffzisch und vomn Russen, iss imma juut jeloofen«, meint der Anbieter des völlig mit Bauteilen verschiedener Fahrzeug-Kombinate des ehemaligen Ostblockes zusammengeschusterten Ding. Eine absolut zuverlässige Maschine also, in DDR Zeiten von ihm tagtäglich gefahren. TÜV gibt es keinen. Es dauert lange den Erbauer davon zu überzeugen, dass man nicht wirklich die Fremdteile akzeptieren und das Gefährt komplett kaufen wolle.

Offensichtlich will dieser den Trümmer aber auch nicht mehr in seinem Barkas(2-Takter)-Bus mit nach Berlin schleppen. Der ausgehandelte Preis soll für beide Parteien eine Freude sein. Die Maschine war für viele andere NSU-Freaks wahrscheinlich zu stark getarnt, weil von weitem als Kommunistisch identifiziert.

Nebenan gibt es richtiges Werkzeug vom Billigen Jakob, auch aus dem Osten. NVA Bestände, aber egal... Die Fremdteile werden wegoperiert. Übrig bleiben Rahmen mit Öltank und Kettenkasten, Motor, Primär, Getriebe, und Hinterrad mit der Hinterradfederung. Die Vordergabel von der Ural oder sonst woher, mit Rad, werden Leihweise noch zum schieben bis zum Auto gebraucht, dann aber schnellstens herausgezogen. Richtig geraten, der Kleinwagen ist wieder mal zu klein. Die Heckklappe muss trotz frischer Witterung für 200km offen bleiben, außerdem läuft der Kofferraum voll ranzigem Öl aus allen Ritzen dieses Wracks.

Trotz schlimmen Aussehens, sind die Teile brauchbar. Lediglich (wegen des 600er OSL-Primärs) hatte der frühere Erbauer einiges flexen müssen. Das Kurbelgehäuse vorne inbegriffen, aber Wolfgang hat ja noch das Gehäuse von dem Schrott-Motor...

 »Und aus dem Rahmen und dem Rest könnte man doch noch einen Chopper bauen, oder?«

 

Die Kurbelwelle ist wie neu, offensichtlich in der DDR einmal neu gemacht worden! Lager und Dichtungen wurden beschafft, Kolben gibt es von Porsche, sogar ein geschmiedeter.

Mit viel Liebe und einigen schockierenden Rechnungen läuft das Gerät alsbald (neue Auspuffkrümmer, Fußrasten, Innerer Primärkasten mit Kette und vieles mehr was man zum Umbau eine Konsul I zur Konsul II braucht, werden beschafft. Das kurz zuvor erst für die 350er beschaffte neu verchromte Stößelrohr ist hierbei auch zu kurz. Genau wie die Limakette, so ein Mist). Da ein Kumpel zwischenzeitlich in seinem Max Gespann einen 300er Motor aus Österreich einpflanzte, ist die Not sehr groß. Denn zum konkurrenzfähigen NSU-Gespann für heiße gemeinsame Ausfahrten ist es noch ein weiter Weg.

Der vom Teile-Händler so hoch gepriesene Schmiede-Kolben klemmt mehrfach. Also immer wieder Kopf und Zylinder runter und den Kolben nachgearbeitet. Zwischenzeitlich müssen auch, wie nun auch in der Konsul-Homepage empfohlen, Stehbolzen und Kopfdichtung modifiziert werden. Nun läuft das Ding wie die Feuerwehr. Den metallenen Abrieb der ersten  Kolbenklemmer fängt Wolfgang durch einen zeitweise montierten Harley- »Old Style Ölfilter« im Rücklaufschlauch auf. Als alles gut läuft und die längste käufliche Übersetzung montiert ist, wird eine größere Tour mit den Biker-Freunden ins Auge gefasst. Mitten unter Harleys, also bei ruhiger Fahrt und Japaaaanern die einfach nie verrecken wollen, reißt auf einer Landstrasse fernab der Heimat der Hubzapfen ab. Unter lautem Getöse verrichtet der Motor aber noch seine Arbeit, jedoch oszilliert die rechte Kurbelwange hörbar ca. 5mm innerhalb des Bruches hin und her. »Kauf Dir doch mal ne richtige Maschine« spötteln die Andern. Ein Feuerzeug suchend, das Mistvieh endlich abzufackeln, wird der gar nicht mehr glückliche Konsul-Besitzer von seinen Mitfahrern beruhigt: Im nahe liegenden Dorf soll es Hilfe geben. Das erste Haus im Dorf wird schiebend mit heraushängender Zunge angesteuert und der Besitzer herausgeklingelt. Während dessen bieten die Japaner-Fahrer ihm einen Sozius-Sitzplatz an, weil doch die geplante 4 Tagestour mit gebuchten Zimmern weitergehen Soll. Auf die Frage, ob man denn ein altes Motorrad hier für ein paar Tage abstellen könne, erwidert der Anwohner: »Selbstverständlich, mein Sohn fährt ja auch NSU«. Kein Witz. Der Zufall will es, dass der erste in diesem Dorf auch der Beste ist. Dass dessen Sohn eine OSL 500 Eisenkopf hat und dieser zudem noch Sportmax-Besitzer ist, gipfelt das Ganze. Die OSL hatte nach einem Korsika-Trip einen leichten Sturz hinter sich, weil die Simplex-Kette gerissen war und so der Fahrer wegen blockierendem Hinterrad auf die Nase fiel. »Der äußere Deckel des Primärkettentriebs ging dabei leider total kaputt, ich suche also dringend so einen«, fügt der Junior erklärend hinzu.

»Hab Ich, hab Ich ...« ereifrigt sich der gestrandete Konsul-Fahrer einzuwerfen. Dann schickt die verbleibende Biker-Crew weiter in Richtung Tourziel: Ab in die Pfalz, an die Deutsche Weinstrasse«. »Ich komme später mit der Max nach, der Mann hier fährt mich nach Hause, kriegt dafür einen Primärdeckel von mir«! Gesagt getan. Das übrig gebliebene Teil der handgestrickten Konsul aus Ost Berlin wechselt den Besitzer. Die Motorradtour ist gerettet. In Rekordzeit wird mit dem bewährten Max-Gespann hinterher gehetzt. Die Anderen haben bereits in aller Fröhlichkeit auf einem Weinfest ihren Spaß.

 

Happy end

Die undankbare Konsul soll danach den heimischen Hof zur Strafe für diese Schmach für immer verlassen. Ein Inserat ist schon Aufgesetzt. Doch der geistig Abtrünnige öffnet nochmals den Motor. Schon wegen der Berufsehre. Er sucht die Gewissheit Handwerklich nicht gepfuscht zu haben. Als Fehler an dem sonst unbeschädigten Motor, der ihm ohne Vorwarnung zerbrach, findet sich ein falsch gehärteter Kurbelzapfen. Das Teil war ansonsten sauber gemacht. Aber durch und durch gehärtet! Ohne zähen Kern konnte dieses Teil überhaupt nicht halten, aber wie soll man das vorher erkennen? Bei OBS wurde ein Tauschpleuel beschafft und die Welle sauber gewuchtet. Ergebnis: Maschine läuft seit über 10 Jahren tadellos. Der mit einem 600er Zylinder ausgestattete Motor hat dabei Leistung bis zum Abwinken und könnte locker einen fünften Gang vertragen. Und weil das Heizen so viel Laune macht, ist der Beiwagen an der Max geblieben. Seiher hat die Konsul viele lange Touren hinter sich. Kaputt gingen nur noch die Harleys...

 

Wolfgang Schneiders Werkstatt ist heute ein geschätzter Anlaufpunkt für NSU Hilfesuchende. Zudem gilt er als Spezialist in Sachen Motorentuning aber er erledigt auch Um- und Aufbauten von Custom-Harleys.

Seine Homepage: http://www.nsu-schneider.de/

W. Schneiders Buch: NSU - Der Weg zur Motorrad-Weltmeisterschaft