Freud und Leid eines Konsulfahrers

Text: Günter Bruer Fotos: Bruer, Archiv Heiler

Es war beschlossene Sache. Sechs Wochen vor der Wiedervereinigung mit der DDR starteten vier wetterfeste Jungs an einem wunderschönen Septembertag.
Es sollte eine zwölftägige Fahrt bis zur Insel Rügen werden.
Norbert und Christian mit dem Max-Gespann, Manfred mit der BMW R69 Solo und ich mit dem 500er Konsul-Gespann.

 

   Günter Bruer, wie ihn die Konsulfahrer kennen

 

 

Endlich konnte ich einmal richtig durchatmen. Dieses befreiende Gefühl, dieser volle Sound, dieses einzigartige Klackern. Man fuhr gemütlich über Schlüchtern, Fulda, Wasserkuppe und Ehrenberg.
Nein! Sollte jetzt schon meine Freude getrübt sein? Meine Kumpels waren schon ein Stück vor mir ... der Motor heulte auf, ohne Kraft auf das Antriebsrad; der komplette Kopplungskorb war lose und hatte Keil und Konus in Mitleidenschaft gezogen.
»Ei, was haste denn schon widder am Maschinsche«, fragte der Offenbächer BMW Fahrer mit grinsen. »dass kann doch net wahr sei, mer hawwe doch ewe erst de Schwimmer gewechselt!«
Die Kumpels hatten schnell erkannt, dass hier eine größere Schrauberei fällig war und zogen es vor, in einer Gaststätte ihren Hunger zu stillen.
Nach vielen Schweißtropfen, und 2 Körnerschlägen auf die 18x1,5er Mutter, brachte ich den Kupplungskorb wieder in die richtige Lage. Mit hungrigem Magen ging die Fahrt weiter nach Tann und dann über die Zonengrenze Schmalkalden, die ja nun offen war. In Steinbuch (Thüringer Wald) wurde übernachtet.
Am nächsten Tag ging es weiter nach Suhl, Saalfeld, Hohenwarte–Talsperre, Schleiz. In Plauen mussten wir zwangsweise übernachten, denn an meiner Konsul war eine Demontage von Tank und Sattel fällig, weil Öl aus Zylinderkopfabdeckung und Ventildeckel spritzte. Das Motorgehäuse wurde auch undicht!
Von wegen ... man brauche keine Gehäusedichtung! Dichtungsmittel wurden in einer Drogerie erworben.
In der folgenden Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich sah lauter grüne Männchen mit Schraubenschlüssel, die meine Konsul ganz zerlegten!
Nach kurzem Frühstück ging es weiter auf die Autobahn in Richtung Chemnitz, Abfahrt Zschopau zum Motorradmuseum Augustusburg, Freiberg, Richtung Dresden die Elbe entlang nach Königstein. In Bad Schandau wurde übernachtet.
Meine Kumpels hatten bis jetzt nicht mal einen Schraubenschlüssel ausgepackt; und ich war der Überzeugung, dass auch mir ein nochmaliges Missgeschick nicht mehr passieren könne.
Ohne Probleme ging es zur Bastei im Elbsandsteingebirge, Lausitzerland über Löbau, Görlitz, Niesky. Hier wurde in einem ehemaligen Stasi–Bungalow übernachtet. Bad Muskau über Cottbus, Spreewald Lübbenau Rüdingsdorf war die nächste Etappe. Hier trafen wir einen Russischen Offizier, der ausgiebig Wodka spendierte.

Die Insel Rügen hatten wir durch meine Schrauberei bereits vom Reiseplan gestrichen. Aber das neue Ziel war Berlin: Eine Fahrt durch das Brandenburger Tor!
Aber in Wünsdorf war mit meiner Konsul die Fahrt vorerst wieder beendet.
Der Kupplungskorb hatte sich wieder über dem Keil abgeschert, die Mutter war durch die Körnerschläge vermurkst und ging nicht mehr auf. Aber das Glück stand auf meiner Seite. Eine nette Dame im Blaumann, die bei der LWG-Kühlerreparatur beschäftigt war, und das Missgeschick beobachtet hatte, konnte mir helfen. Nach 1 ½ Stunden suchen, war die passende Mutter M 18x1,5 im Magazin der LWG gefunden. (in der Kühlerreparaturwerkstatt waren 5 Leute beschäftigt, aber eine Reparatur war seit Monaten nicht mehr vorgekommen).
Nach diesen Vorkommnissen habe ich die Konsul verflucht, ich wollte sie im Fluss versenken, auch wollte ich die blauen NSU Embleme überkleben.
Einer der Max Fahrer meinte, dieses Motorrad hätte NSU nicht zum fahren konstruiert, sondern zum ausstellen in einen Schaukasten. Kann sich einer der Leser in diese Situation versetzen?

Zurück ging die Fahrt Richtung Wittenberg und Dessau mit Übernachtung. Am nächsten Tag hatten unsere Motorräder einmal Pause und wir genossen eine Fahrt mit der Harzbahn ab Wernigerode.
Die Motorradtour wurde fortgesetzt über Nordhausen, Eisennach zum Grenzübergang Philippstal. Als wir hier eine wohlverdiente Pause einlegten, rief mir eine Frau zu: »Ist das ihr Motorrad? Eben hat ein Simsonfahrer ihren Helm vom Lenker abgehängt!«
Nun war die Fahrt über Hersfeld beendet. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich die Kumpels mit ihren Mäxen und BMW aufgehalten habe.
Nein, wurde mir gesagt, du hast uns mit deinem Motorrad zu einem Abendteuer verholfen, wir haben hier einen echten Schrauber kennengelernt! Als die Konsul wieder geputzt in meiner Garage stand, habe ich sie gestreichelt und gesagt: »Du bist doch die Schönste, guck dir die hässlichen Mäxe an und erst recht die BMW, so etwas fährt doch jeder.«
Auch mich muss man für gescheit halten, denn:

»Kluge Köpfe kaufen Konsul«

 

 

 

 


 

 

 

Günter war auf dieser Tour ganz schön vom Konsul-Fehlerteufel geplagt. Doch heute kann er über die Geschichte nur noch schmunzeln.